Call for Papers: Die Zukunft auf dem Land. Imaginationen und Narrationen futuristischer Entwicklungen

RHN 62/2019 | Call

Organiser: Marc Weiland

27-28 September 2019, Bauhaus-Universität Weimar, Germany

Deadline for abstract submissions: 3 June 2019

 

Call for Papers:
Interdisziplinäre Tagung an der Bauhaus-Universität Weimar
Die Zukunft auf dem Land.
Imaginationen und Narrationen futuristischer Entwicklungen: Literatur, Architektur, Medien

„Countryside: Future of the World“ – so lautet der Arbeitstitel der vom Architekten Rem Koolhaas für das Jahr 2020 geplanten großen Ausstellung im Guggenheim Museum in New York. Diese Ausstellung werde sich, so die Ankündigung, vor allem mit Spekulationen über die Zukunft beschäftigen – und zwar durch die Erforschung der aktuellen Situationen, in denen sich ländliche Räume im globalen Maßstab befinden.

Sie ist dabei auch getragen von der Grundannahme, dass das Land im Vergleich zur Stadt mitunter deutlich rapidere und radikalere Transformationenprozesse zu erleben und zu bewältigen habe; Prozesse, die nicht zuletzt auch im Kontext der nach wie vor zunehmenden Urbanisierung der Lebenswelten sowie der aktuellen gesellschaftlichen Problemlagen – unter anderem: Klimawandel und Energiewende, Migration und Populismus, technische Entwicklungen und ethische Haltungen – zu sehen sind. Der Umgang mit ihnen kann dementsprechend auch wegweisend sein für gesamtgesellschaftliche Entwicklungen.

Dabei stehen diese Annahmen nahezu diametral zu den gängigen Imaginationen und Narrativen, die mit ländlichen Räumen verbunden sind. Wird doch gemeinhin die (Groß-)Stadt als Ort voranschreitender technischer Entwicklung und sozialer Beschleunigung und das Land als Ort von Tradition und Beständigkeit verstanden. Ländliche Räume werden nach wie vor als vor allem defizitäre und/oder abgehängte Räume wahrgenommen, die auf eine einstmalige und hier noch konservierte Vergangenheit verweisen. Dies führte nicht zuletzt auch dazu, dass sich zwar in vielfacher und vielfältiger Weise sowohl gesellschaftliche Erinnerungsdiskurse als auch individuelle Vergangenheitserkundungen auf sie bezogen – die Frage nach der Zukunft im Ländlichen wie auch nach der Zukunft des Ländlichen jedoch weitestgehend ausgeblendet wurde.

Demgegenüber ist jedoch schon seit Längerem eine Verschiebung der klassischen Bildinhalte und Erzählweisen zu beobachten: modernste Technik wird etwa für Landwirtschaft, Tierhaltung und Energiegewinnung ebenso wie für das Gesundheitswesen oder aber Arbeit und Naherholung entwickelt und im Ländlichen sowohl erprobt als auch dauerhaft eingesetzt – und schließlich auch in den unterschiedlichen politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Diskursen vielfach bebildert und narrativisiert, d.h. in erwünschte oder aber befürchtete, utopische wie dystopische Szenarien zukünftiger Entwicklung eingebunden und jeweils spezifisch ästhetisiert, codiert und funktionalisiert. Dabei dient das Ländliche, so ließe sich wohl sagen, immer wieder als eine Art imaginäres wie auch reales Experimentierfeld für die Entwicklung neuer Technologie und ihrer Wirkung auf Individuum wie Gesellschaft; sei es aktuell z.B. im Bereich der Gentechnik oder der Künstlichen Intelligenz sowie schließlich auch im Kontext einer generellen Automatisierung und Digitalisierung des Lebens. Dies stellt nicht zuletzt auch die aktuellen Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens ebenso in Frage wie gewohnte und vermeintlich grundlegende lebensweltliche Unterscheidungen (bspw. hinsichtlich der zunehmend fraglich werdenden Differenz von Mensch/Maschine); was zugleich auch wieder diverse Gegenbewegungen und -narrative herausfordert, die Bilder und Konzepte alternativer Formen der Raumnutzung und des Sozialwesens entwerfen.

Die mit den diversen Motiven, Problemlagen und Gestaltungsweisen verbundenen imaginierten wie auch realisierten Zukunftsszenarien bedürfen jedoch einer breiten gesellschaftlichen Aushandlung und Partizipation. Dabei lassen sich aktuell nicht nur umfangreich angelegte Entwicklungsprojekte wie etwa die IBA Thüringen oder das Trafo-Programm der Kulturstiftung des Bundes finden, die auf eine zukunftsfähige Gestaltung ‚rurbaner‘ Räume (verstanden als gelingende Verschränkungen zwischen Stadt und Land) abzielen und dabei neue Wege einzuschlagen suchen; auch die gegenwartsorientierten Künste – Literatur, Film, Serie, bildende und darstellende Kunst etc. – arbeiten an einer differenzierten Betrachtung und Analyse der Wechselverhältnisse von Stadt und Land, die als Neubeschreibungen städtisch-ländlicher Lebenswelten zu sehen sind und sowohl soziale Diskurse und Bewegungen als auch individuelle Verstehensmodelle und Verhaltensweisen beeinflussen. Die realen wie auch imaginären Ländlichkeiten fungieren dabei – das zeigen nicht zuletzt auch die vergangenen Zukünfte – insgesamt als Orte und Medien, in und mit denen gesellschaftliches Wissen erzeugt und wirksam wird; denn sie entwerfen potenzielle Zukünfte und machen sie dabei mitunter zugleich auch realisierbar.

Vor diesem Hintergrund widmet sich die Tagung der Erkundung sowohl aktueller als auch historischer Zukunftsentwürfe in ländlichen Räumen und von ländlichen Räumen. Sie zielt dabei insbesondere auch eine Analyse der verschiedenen Medien, mit denen mögliche wie auch unmögliche Zukünfte entworfen werden. Dies bewegt sich in einem Spektrum, das sowohl wissenschaftliche Darstellungen (z.B. demografische Hochrechnungen, empirische Analysen) und künstlerische Arbeiten (z.B. Literaturen, Filme, Serien) als auch jeweils tagesaktuelle Diskurse (z.B. politische Statements und Zielvorgaben, ökologische Warnungen) oder aber konkrete (landschafts-)architektonische Entwürfe und Planungen umfasst.

Dabei stellen sich unter anderem folgende Forschungsfragen:

Welche Zukünfte – seien sie nun erwünscht oder befürchtet – werden in den jeweiligen historischen und sozialen Kontexten mit welchen Mitteln imaginiert?

Lassen sich dabei bestimmte (wiederkehrende?) Formen der Ästhetisierung und Funktionalisierung feststellen?

Wie sollen diese Zukunftsentwürfe handhabbar und erreichbar gemacht oder aber umgangen und vermieden werden?

Worin finden sie ihren (technischen, ökonomischen, anthropologischen etc.) Ausgangspunkt und wie erzeugen sie einen spezifischen Geltungsanspruch?

Welche Form von Agency kommt in diesen Entwürfen Individuum und Gesellschaft zu – werden Transformationen bspw. aktiv vorantreibend oder passiv erleidend imaginiert?

Welcher Umgang wird dabei mit dem aktuellen Bestand und Erbe gepflegt?

In welcher Weise werden in einer globalisierten Welt die mit dem Konzept der Heimat bzw. des Heimatlichen verbundenen Ansprüche und Befürchtungen imaginiert?

Wie wirken oder wirkten sich die jeweiligen Zukunftsbilder auf die konkrete Planung und Gestaltung der Gegenwart aus?

In welchen Zusammenhang stehen dabei symbolische und praktische Raumaneignung und -gestaltung; und wie werden sie im Zeitalter digitaler Technologien ggf. neu erfunden?

Wir bitten um Abstracts (max. eine Seite) für einen 20-minütigen Vortrag inkl. einer kurzen biografischen Notiz mitsamt Kontaktdaten bis zum 03.06.2019 per E-Mail an: marc.weiland@uni-weimar.de

Reise- und Übernachtungskosten werden für Vortragende übernommen.

Source: H-net