RHN 129/2025 | Call
Organisers: Gesellschaft für Agrargeschichte and Stiftung Deutsches Gartenbaumuseum Erfurt
30 June – 1 July 2026, Deutsches Gartenbaumuseum Erfurt, Erfurt, Germany
Deadline for Submissions: 31 January 2026
Call for Papers:
Angst in der ländlichen Gesellschaft
Emotionale Erfahrung, Ausdruck und Bewältigung – von der Vormoderne bis zur Gegenwart
Angst ist eine universale und biologisch verankerte, zugleich auch zutiefst kulturell und sozial geprägte Emotion. Die von der Gesellschaft für Agrargeschichte in Kooperation mit dem Deutschen Gartenbaumuseum geplante Tagung „Angst in der ländlichen Gesellschaft“ fragt danach, wie Angst im ländlichen Raum erfahren, artikuliert und bewältigt wurde – von magischen und religiösen Angstregimen der Vormoderne bis zu ökologi schen Zukunftsängsten der Gegenwart. Ausgangspunkt ist die Annahme, dass Emotionen nicht bloße Begleiterscheinungen gesellschaftlicher Prozesse sind, sondern selbst als produktive Kräfte sozialer und kultureller Formierung wirken. Im Anschluss an die Emotionsgeschichte (Hitzer 2011; Frevert 2009; Plamper 2015; Reddy 2001; Rosenwein 2006 u. a.) verstehen wir Angst als kulturell erlernte, sozial geteilte und körperlich geprägte Praxis, die – potenzielle Gefahren vorwegnehmend – Gemeinschaften strukturiert und Weltbeziehungen organisiert. Im Sinne von Monique Scheer (2019) lassen sich alltägliche Routinen vom Beten über das Vorsorgen bis hin zur Dreifelderwirtschaft als Praktiken verstehen, durch die Angst bewältigt und kontrolliert wurde.
Die Tagung versteht sich als Einladung, über Erfahrung und Praxis der Angst im ländlichen Raum neu nachzudenken. Die folgenden Themenfelder skizzieren mögliche Linien, ohne sie festzuschreiben:
Im historischen Wandel verschoben sich zum einen die Gegenstände der Angst: von der Furcht vor göttlichem Zorn, Zauber und Dämonen, über Naturgewalten, Seuchen und Tod, bis hin zur Sorge um Klimawandel und globale Konkurrenz. Diese Dynamik verweist darauf, dass Angst kein statisches, sondern ein historisch und kulturell eingebettetes Phänomen ist, wobei manche Ängste, in je spezifischer Ausformung, jeder Epoche eigen sein können - wie die Angst vor Krieg, Statusverlust und die Sorge um Ressourcen oder das Wohl von Angehörigen. Zum anderen waren die Praktiken der Angstbewältigung unterschiedlich motiviert, etwa religiös, sozial, technisch oder ökonomisch: in Ritualen, Prozessionen, Taufpatenschaften und Heiratspraktiken, in Vorratshaltung, Versicherungssystemen oder genossenschaftlichen Zusammenschlüssen, ebenso in Migration, Innovation und Bildung. Angst schrieb sich nicht zuletzt in Routinen und Artefakte ein und materialisierte sich in Dingen, Räumen und Symbolen – im Haus und Hof, am Altar, an der Dorfgrenze oder im Getreidespeicher.
Schließlich lohnt sich ein Blick auf die Trägerinnen und Träger ländlicher Angst, um zu erkennen, inwiefern sich Ängste ungleich über soziale Lagen, Geschlechter und Lebensalter verteilten. Die Sorgen wohlhabender Gutsbesitzerfamilien um soziale Ordnung und Erntepreise unterschieden sich von den Ängsten kleinbäuerlicher Haushalte oder Angehöriger besitzloser Schichten vor Krankheit und Hunger. Frauen begegneten besonderen physischen und moralischen Gefährdungen; Kinder lernten Angst im Rahmen religiöser oder häuslicher Erziehung. Religiöse und moralische Autoritäten – Pfarrer, Lehrer, Hebammen, Richter – verwalteten und formten Angst, indem sie sie predigten, sanktionierten oder disziplinierten. Angst war keineswegs nur lähmend, sondern gemeinschafts- und deutungsstiftend; sie produzierte und stabilisierte soziale Ordnungen, motivierte Vorsorge und Fleiß.
Die Tagung lädt dazu ein, die symbolischen, sozialen und räumlichen Dimensionen der Angst in ländlichen Gesellschaften zwischen Vormoderne und Gegenwart auszuloten. Willkommen sind historische und kulturwissenschaftliche sowie literatur- und sozialwissenschaftliche Perspektiven, die sich dem Tagungsthema theoretisch oder empirisch nähern. Promovierende sind herzlich willkommen und werden besonders ermutigt, sich mit einem Beitrag zu bewerben.
Einreichung:
Wir bitten um die Zusendung eines Abstracts im Umfang von etwa einer halben Seite bis zum 31. Januar 2026 an verena.lehmbrock@gmail.com und Johann.Kirchinger@geschichte.uni-regensburg.de. Bitte geben Sie im Abstract den Titel des geplanten Beitrags, Ihre Fragestellung, Quellen- bzw. Materialgrundlagen sowie Ihre institutionelle Anbindung an.
Eine Veröffentlichung ausgewählter Beiträge in einem Themenheft ist vorgesehen. Reise- und Übernachtungskosten werden für alle Vortragenden übernommen.
Zitierte Literatur:
Frevert, Ute. „Was haben Gefühle in der Geschichte zu suchen?“ Geschichte und Gesellschaft 35,2 (2009): 183–208. https://doi.org/10.13109/gege.2009.35.2.183.
Hitzer, Bettina. “Emotionsgeschichte – ein Anfang mit Folgen.” H-Soz-Kult, 23 November 2011. http://www.hsozkult.de/literaturereview/id/forschungsberichte-1221.
Plamper, Jan. The History of Emotions: An Introduction. Oxford: Oxford University Press, 2015.
Reddy, William M. The Navigation of Feeling: A Framework for A History of Emotions. Cambridge: Cambridge University Press, 2001.
Rosenwein, Barbara. Emotional Communities in the Early Middle Ages. Ithaca, NY: Cornell University Press, 2006.
Scheer, Monique. “Emotion als kulturelle Praxis”. In Emotionen, hg.v. Hermann Kappelhoff, Jan-Hendrik Bakels, Hauke Lehmann, und Christina Schmitt. J.B. Metzler, 2019. https://doi.org/10.1007/978-3-476-05353-4_50.
Kontakt
verena.lehmbrock@gmail.com, Johann.Kirchinger@geschichte.uni-regensburg.de
Source: H-Soz-Kult