RHN 8/2026 | Call
Organisers: Prof. Dr. Bettina Bannasch, Prof. Dr. Günther Kronenbitter, Prof. Dr. Jana Osterkamp and Prof. Dr. Klaus Wolf (Universität Augsburg / Bukowina-Institut an der Universität Augsburg)
20 – 22 November 2026, Irsee, Germany
Deadline for Submissions: 28 February 2026
Call for Papers:
Jüdisches Kulturerbe im ländlichen Raum des 19. und 20. Jahrhunderts – Vergleichende Perspektiven auf jüdisches Leben in Bayern, Böhmen und der Bukowina
Nach den mittelalterlichen Judenvertreibungen aus den Städten entwickelte sich in einigen Regionen Europas ein dichtes Netz jüdischer Landgemeinden. Diese Regionen sind ein in ihrer Gemeinsamkeit wenig erforschter Erinnerungs- und Verflechtungsraum, in dem das Landjudentum über geografische und politische Grenzen hinweg miteinander verbunden war. Dazu gehören Teile Bayern, Böhmens und der Bukowina, in denen sich jüdisches Leben jenseits der urbanen Zentren entfaltete, dessen materielles und immaterielles Erbe bis heute sichtbar ist.
Im Sinne der „Critical Heritage Studies“ verstehen wir dieses jüdische Kulturerbe nicht als etwas Statisches, sondern als historischen Aushandlungsprozess, der aufgrund von Migration, gesellschaftlichem Wandel und unterschiedlichen Erinnerungspraktiken immer neuen Dynamiken unterworfen wurde. Die Konferenz lädt Akademiker und Praktiker ein, jüdisches Kulturerbe im ländlichen Raum vergleichend und interdisziplinär aus historischer, literaturwissenschaftlicher und ethnologischer Perspektive zu beleuchten.
Vier Schwerpunktthemen sind geplant:
Panel I: Judentum jenseits der Metropolen – ein Vergleich
Dieses einleitende Panel vergleicht das jüdische Leben in ländlichen Regionen Bayerns, Böhmens und der Bukowina. Im Mittelpunkt stehen die historischen, rechtlichen und sozialen Bedingungen, unter denen sich Landgemeinden entwickelten, aber auch Fragen der Koexistenz mit der nicht-jüdischen Bevölkerung sowie insbesondere nach den materiellen und immateriellen, aber auch literarischen und narrativen Spuren dieses Zusammenlebens. Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede lassen sich hinsichtlich des Verhältnisses von Stadt und Land oder der rechtlichen Rahmenbedingungen, wirtschaftlichen Strukturen und religiösen Traditionen ausmachen? Beiträge sind zu architektonischen und literarischen Zeugnissen jüdischer Präsenz ebenso möglich wie zu Alltagspraktiken, Rechtsstellung oder wirtschaftlichen Netzwerken.
Panel II: „Ghettoliteratur" als Erinnerungsort des Landjudentums im langen 19. Jahrhundert
Die seit Mitte des 19. Jahrhunderts in deutscher Sprache florierende „Ghettoliteratur" – jüdische Dorf- und Gemeindegeschichten – stellt einen zentralen Erinnerungs- und Aushandlungsort jüdischer Identität dar. Autoren wie Leopold Kompert, Berthold Auerbach, Karl Emil Franzos oder Berta Pappenheim schufen literarische Welten, die das Spannungsfeld zwischen Tradition und Emanzipation, zwischen ländlicher Verwurzelung und städtischer Moderne widerspiegeln und selbst ordnen. Dieses Panel untersucht Literatur als Medium der Selbst- und Fremdwahrnehmung, aber auch Literatur als Mittlerin zwischen jüdischen und nicht-jüdischen Leserkreisen? Wie wurden Geschlechterrollen, soziale Konflikte und religiöse Traditionen – für Bayern, Böhmen und der Bukowina – verhandelt?
Panel III: Jüdische Migration und jüdisches Kulturerbe im 20. Jahrhundert
Das 20. Jahrhundert brachte für die jüdischen Landgemeinden in Bayern, Böhmen und der Bukowina tiefgreifende Zäsuren: Vertreibung, Deportation und Vernichtung während des Nationalsozialismus, Zwangsmigrationen nach 1945, von denen auch Juden und Jüdinnen betroffen waren, die Etablierung sozialistischer Regime in Osteuropa mit antisemitischen Schauprozessen sowie die jüdische Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland seit 1989. Dieses Panel fragt nach den Auswirkungen von Migration auf v.a. innerjüdische Erinnerungskultur. Wie veränderte sich der Umgang mit materiellem Erbe – Synagogen, Friedhöfen, Gedenktafeln – im Zuge dieser Transformationen? Wie gestalteten sich jüdische und nicht-jüdische Erinnerungspraktiken in den Herkunfts- und Ankunftsgesellschaften? Welche Bedeutung hatte dabei das ländliche jüdische Erbe vor Ort? Willkommen sind historische, ethnologische oder erinnerungskulturelle Perspektiven ebenso wie Beiträge der Oral History, Gedenkstättenarbeit, musealer Vermittlung oder zu digitalen Erinnerungsformen.
Panel IV: West- und Ostjudentum – Eine tragfähige Unterscheidung?
Das Landjudentum prägt die Dichotomie von „West-" und „Ostjudentum". Sie ist entscheidend für jüdische Selbst- und Fremdwahrnehmungen in Gesellschaft, Literatur und im Recht. „Westjuden" werden häufig mit Emanzipation, urbaner Kultur und religiösem Liberalismus assoziiert, „Ostjuden" mit Orthodoxie, Jiddischkeit und ländlicher Tradition. Dieses Panel will diese Kategorien kritisch hinterfragen. Wo verlaufen die diskursiven Grenzen zwischen „Ost" und „West" innerhalb des jeweiligen ländlichen Raums Bayerns, Böhmens und der Bukowina? Welche fließenden Übergänge, regionalen Besonderheiten und ungleichzeitigen Entwicklungen entstanden durch Migrationen in beide Richtungen? Wie werden diese Kategorien in der gegenwärtigen Erinnerungskultur, in musealer Vermittlung und wissenschaftlicher Forschung verwendet? Erbeten werden Beiträge zu konzeptuellen Fragen oder konkreten Fallstudien, zu literarischen oder ethnologischen Perspektiven, die zur Dekonstruktion oder Neubestimmung dieser Begriffe beitragen.
Wir laden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Geschichte, Literaturwissenschaft, Europäischer Ethnologie, Jüdischen Studien, Kulturwissenschaften und benachbarten Disziplinen zur Einreichung von Vortragsvorschlägen ein. Außerdem sind Beiträge von Praktikern aus der erinnerungskulturellen Arbeit erwünscht.
Abstracts im Umfang von max. 300 Worten sowie eine Kurzbiografie (max. 150 Wörter) sind als ein gemeinsames pdf.-Dokument bis zum 28. Februar an info@bukowina-institut.de zu senden.
Die Vorträge sollten 20 Minuten nicht überschreiten. Konferenzsprachen sind Deutsch und Englisch.
Kontakt
Christina Eiden, M.A., info@bukowina-institut.de
Weitere Informationen: https://www.bukowina-institut.de
Source: H-Soz-Kult