RHN 70/2026 | Call
Organisers: Marc Buggeln, Anette Schlimm and Christoph Strupp (Netzwerk Zeitgeschichte und Region (ZuR) (Forschungsstelle für Zeitgeschichte Hamburg))
9 – 10 September 2027, Hamburg, Germany
Deadline for Submissions: 15 September 2026
Call for Papers:
Land-Stadt-Verschränkungen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts
Erste wissenschaftliche Tagung des Netzwerks Zeitgeschichte und Region
Die Zeitgeschichte hat erst in den letzten Jahren begonnen, sich ländlichen Räumen gegenüber zu öffnen und diese als Gegenstände historischer Forschung zu erschließen. Dabei wurden lange Zeit ländliche Räume als Residuen der Tradition gerahmt, deren verspätete Ankunft in der Moderne nachgezeichnet wurde. Entsprechend wurden Stadt-Land-Verhältnisse vor allem als hierarchisierte Beziehungen einseitigen Transfers beschrieben, bei denen sich städtische Einflüsse nach und nach auch in ländliche Räume Bahn brachen und dort verhärtete Strukturen aufweichten.
Demgegenüber ist in den vergangenen Jahren zunehmend nach der Eigenlogik ländlicher Räume in der Geschichte des 20. Jahrhunderts gefragt worden. Spezifisch ländliche Machtkulturen konnten ebenso kartiert werden wie urban-rurale Muster der queer history. Die geplante Tagung greift solche Ansätze auf und treibt sie weiter. Wir fragen daher nicht nach den zu kontrastierenden Eigenlogiken, sondern nach Überlappungen, Verflechtungen und Hybridisierungen von Stadt und Land. Aus der Perspektive einer Regionalgeschichte, die sich als methodischer Ansatz einer allgemeinen Zeitgeschichte versteht, lassen sich auf der räumlichen Mesoebene Verschränkungen von Stadt und Land aufzeigen, die etablierte Narrative der Zeitgeschichte aufzubrechen und neue Themen in den Vordergrund zu rücken vermögen.
Zentral für die geplante Konferenz ist ein doppeltes Verständnis von Stadt und Land. Mit statistischen Methoden lassen sich Regionen nach ihrem Grad der Ländlichkeit klassifizieren. Dabei umfassen ländlich geprägte Regionen in den meisten Fällen auch Verdichtungsräume – Kleinstädte etwa. Ländlich geprägte Regionen stehen darüber hinaus auch in einem Austausch- und Beziehungsverhältnis zu weniger ländlich oder gar ausschließlich urban geprägten Regionen, so dass die Versuche, Stadt und Land statistisch zu differenzieren, gleichzeitig vielfältige Beziehungsgeflechte und Mischregionen sichtbar machen. Versteht man sowohl Land als auch Stadt zudem auch als Effekte historischer Konstruktionsprozesse, so kann man die verschiedenen Zuschreibungen und ihre materiellen und immateriellen Effekte historisch analysieren. Eingemeindungen, die Schaffung von Metropolregionen, Suburbanisierungs- und Counterurbanisierungsprozesse und die damit verbundenen Aus- und Umbauten von Infrastrukturgefügen prägten und veränderten die sozialen Verhältnisse von Stadt und Land ebenso wie die kulturellen Vorstellungen von diesen Raumtypen. Diese doppelte Herangehensweise, die quantitative und qualitative Ansätze und die Erforschung von strukturellen, materiellen und kulturellen Veränderungsprozessen miteinander kombiniert, ermöglicht ein breites und analytisch offenes Konzept von Land-Stadt-Verschränkungen. Wir laden Vertreterinnen und Vertreter unterschiedlicher Ansätze ein, miteinander ins Gespräch zu kommen.
Ziel der Tagung ist es, zentrale Phänomene und Probleme der deutschen und europäischen Geschichte seit 1945 über konkrete kleinräumige Zugriffe mit der analytischen Sonde von Land-Stadt-Verschränkungen in den Blick zu nehmen. Probleme von wirtschaftlichem Strukturwandel und Transformation ebenso wie von Dynamiken sozialer Ungleichheit oder Geschlecht, von Traditions- und Identitätspolitiken, Partizipation und Demokratie oder von Individualisierung, Pluralisierung und Singularisierung lassen sich so analysieren und für die Geschichtsschreibung zur zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts empirisch verdichten.
Zentrale Themenfelder der Tagung könnten u.a. sein:
- Politische, gesellschaftliche und kulturelle Debatten und Konflikte über Stadt-Land-Verhältnisse
- Wirtschaft und Arbeit
- Stadt und Land in Alternativmilieus
- Traditions- und Heimatpflege, „ländliche“ Kulturen in Stadt und Land
- Grund und Boden. Die Materialität von Raum
- Politik und Regierung in Stadt und Land
Es handelt sich bei der Tagung um die erste wissenschaftliche Tagung des Netzwerks Zeitgeschichte und Region.
Vortragsvorschläge in Form von Abstracts (ca. 250 Wörter) sowie einer Kurz-Biografie des/der Vortragenden (max. 3 Sätze) erbitten wir bis zum 15. September an folgende Adressen:
strupp@zeitgeschichte-hamburg.de
marc.buggeln@uni-flensburg.de
anette.schlimm@hist.uni-hannover.de
Kontakt
strupp@zeitgeschichte-hamburg.de
marc.buggeln@uni-flensburg.de
anette.schlimm@hist.uni-hannover.de
Source: H-Soz-Kult